Das Programm des Symposiums setzt sich aus 4 Vorträgen mit anschließender Diskussion und einem Podium mit allen teilnehmenden Referenten zusammen. Zwischen den einzelnen Veranstaltungen sind Pausen von mindestens 30 Minuten, vor dem Podium 90 Minuten, eingeplant.

// Wichtiger Hinweis: Auf einigen der Flyer zum Symposium sind die Zeiten falsch angegeben worden. Es gelten die auf dieser Seite veröffentlichten Daten!

 


11 Uhr – Alex Feuerherdt
Transformationen und Kontinuitäten
Über Antisemitismus und Rassismus im postnazistischen Deutschland
[ Ankündigungstext ]

 

13 Uhr – Stephan Grigat
Renovierung des Postnazismus
Vergangenheitspolitik in Deutschland
[ Ankündigungstext ]

 

15 Uhr – Bernd Beier
‘German diet’ für Europa
Verzicht auf Lohn und Streiks – der deutsche Sozialpakt als Exportschlager
[ Ankündigungstext ]

 

17 Uhr – Lars Quadfasel
Von Schlegel zu Schland
»Deutsche Ideologie« im Zeitalter ihrer kulturindustriellen Reproduzierbarkeit
[ Ankündigungstext ]

 

20 Uhr
Podiumsdiskussion mit allen Referenten
Moderation: Sonja Witte

 

 

 

11 Uhr:
Transformationen und Kontinuitäten
Über Antisemitismus und Rassismus im postnazistischen Deutschland

Eine Umfrage der EU-Kommission aus dem Jahr 2003 ergab, dass 65 Prozent der Deutschen Israel für „die größte Gefahr für den Weltfrieden“ halten. Ein Jahr später meinten 51,2 Prozent in einer Erhebung: „Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben.“ Gar 68,3 Prozent waren der Meinung, Israel führe „einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“. Und im Sommer 2007 fand die BBC heraus, dass sich 77 Prozent der Deutschen eindeutig negativ gegenüber Israel positionieren. Auf ähnlich hohe Werte kamen nur die Befragten im Libanon und in Ägypten.

Es ist unübersehbar, dass der Antisemitismus in den letzten Jahren und Jahrzehnten eine Transformation durchlaufen hat: Der „klassische“ Judenhass hat zwar nicht ausgedient, aber seine modernisierten Varianten – wozu der sekundäre Antisemitismus genauso gehört wie die Ressentiments gegenüber Israel als dem „Juden unter den Staaten“ (Léon Poliakov) – sind inzwischen ungleich populärer. Warum aber ist das so, wie kam es dazu, welche Bedürfnisse scheinen darin auf, und welche Folgen hat diese Transformation?

Gleichzeitig wäre zu fragen, welche Virulenz der Rassismus heute in Deutschland besitzt und welchen Wandlungen er in den letzten Jahren und Jahrzehnten unterzogen worden ist. Anders als zu Beginn der 1990er Jahre – als so lange Flüchtlingsunterkünfte in Brand gesetzt und Asylsuchende ermordet wurden, bis der Deutsche Bundestag das Asylrecht de facto aus dem Grundgesetz strich – kann heute zumindest nicht mehr mit einem gewissen Verständnis von Politik und Medien rechnen, wer Migranten unmittelbar nach dem Leben trachtet. Doch vor allem im Osten der Republik gehen weiterhin Neonazibanden ihrem mörderischen Werk nach; zudem sind neuere Formen des Rassismus wie beispielsweise der Kulturrelativismus auf dem Vormarsch. Welche Bedeutung haben sie, welche Konsequenzen zeitigen sie, und in welchem Verhältnis stehen sie sowohl zum völkischen Rassismus als auch zum (neuen) Antisemitismus?

 

Alex Feuerherdt ist Lektor und freier Publizist. Er lebt in Köln und schreibt schwerpunktmäßig über den Nahen Osten, u.a. für konkret, die Jungle World, die Jüdische Allgemeine und den Tagesspiegel.

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13 Uhr:
Renovierung des Postnazismus
Vergangenheitspolitik in Deutschland

Im Haus des Henkers soll man nicht vom Strick reden, sonst habe man Ressentiment, sagte Theodor W. Adorno hinsichtlich der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Heute soll man im postnazistischen Deutschland nicht vom eliminatorischen Antizionismus der islamischen Djihadisten sprechen. Mittlerweile wird in den Nachfolgestaaten des Dritten Reiches routiniert an die nationalsozialistische Judenverfolgung erinnert. Aber Erinnern hieß in Österreich und Deutschland stets Erinnerung an die toten Juden. Mit den lebenden Juden hat man hingegen bis heute seine Probleme, insbesondere, wenn sie sich anschicken, Vernichtungsdrohungen gegen den jüdischen Staat nicht tatenlos hinzunehmen.

Der Vortrag will versuchen darzustellen, wie sich die aktuelle Wiedergutmachtung der Nation mit den Mitteln der Vergangenheitspolitik in Deutschland vollzieht, was Debatten wie jene um das Holocaustmahnmal mit der deutschen Nahostpolitik zu tun haben und warum es kein Zufall ist, dass in Deutschland einstimmige Bundestagsbeschlüssen gegen den jüdischen Staat verabschiedet werden, während sich der Rechtsnachfolger des Dritten Reiches bis heute beharrlich weigert, konsequent gegen Antisemitenregime wie jenes im Iran vorzugehen.

 

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Wien, Autor von Fetisch und Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus (ça ira 2007), Herausgeber u.a. von Feindaufklärung und Reeducation. Kritische Theorie gegen Postnazismus und Islamismus (ça ira 2006) und Mitherausgeber von Der Iran. Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer (Studienverlag 2008) sowie Iran im Weltsystem. Bündnisse des Regimes und Perspektiven der Freiheitsbewegung (Studienverlag 2010).

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15 Uhr:
„German Diet“ für Europa
Verzicht auf Lohn und Streiks – der deutsche Sozialpakt als Exportschlager

Standort, Standort über alles: Wenn trotz eines kräftigen Wirtschaftsaufschwungs die Reallöhne lediglich um 0,6 Prozent steigen, dann befindet man sich im Deutschland des Jahres 2010. Bei der deutschen Streikstatistik bekommen Syndikalisten Tränen in den Augen: Zwischen den Jahren 2000 und 2007 gingen durch Streiks und Aussperrungen hierzulande nach amtlichen Angaben gerade einmal fünf Arbeitstage je 1000 Mitarbeiter verloren, in Frankreich etwa waren es 103. Darüber hinaus existiert in Deutschland mittlerweile der größte Niedriglohnsektor Europas.

Das „Modell Deutschland“ setzt inmitten der seit Jahrzehnten schwersten Krise die Standards, die anderen europäischen Staaten werden niederkonkurriert. Und die deutsche Regierung zeigt, wo der Hammer hängt. »Europa hat heute seine Augen auf uns gerichtet; ohne uns, gegen uns kann es keine und wird es keine Entscheidung geben«, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel voriges Jahr bei der Debatte im Bundestag über das sogenannte Rettungspaket für den griechischen Staat. Mit der deutschen „Schuldenbremse“, die die Staatsverschuldung begrenzen soll und bereits erfolgreich nach Spanien exportiert wurde, und dem „Konsolidierungspaket“ von 2010, das Einsparungen in Höhe von 80 Milliarden Euro bis 2014 ermöglichen soll, erhöht sich der Druck auf die anderen Euro-Staaten, das gleiche zu tun.

Und der deutsche Konsens scheint bombensicher. Das US-amerikanische Magazin Vanity Fair fragt im Hinblick auf die Bevölkerung hierzulande bang: Sind sie bereits Europäer oder sind sie noch Deutsche? Die FAZ, die Zeitung für Deutschland, hat eine vorläufige Antwort parat: Die Renationalisierung in der deutschen Bevölkerung drohe, den „Europa-Gedanken“ von innen auszuhöhlen.

 

Bernd Beier ist Mitarbeiter der Jungle World.

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17 Uhr:
Von Schlegel zu Schland
»Deutsche Ideologie« im Zeitalter ihrer kulturindustriellen Reproduzierbarkeit

Am »Tag der deutschen Einheit« gehört die linksradikale Gegendemonstration beinahe schon zum institutionalisierten Rahmenprogramm. Neben dem unmittelbaren Staatspersonal, das von Berufs wegen verpflichtet ist, Ergriffenheit darzubieten, gehören die Einheitsgegner damit zu den wenigen, bei denen der Nationalfeiertag tatsächlich noch Leidenschaften freisetzt. Für den Rest der Bevölkerung hingegen bedeutet der 3. Oktober in der Regel nicht viel mehr als ein arbeitsfreier Tag mit schlechtem Fernsehprogramm, und so medioker wie das Herbstwetter wirkt auch die Volksfeststimmung. Vaterländische Pflichterfüllung soll ja, bitteschön, vor allem Laune machen. Fürs massenhafte Bekenntnis zu schwarz-rot-gold haben Sport- und Schlagerwettbewerbe längst den guten alten Haupt- und Staatsaktionen den Rang abgelaufen. Weswegen auch die Landsleute, wenn sie sich als »Weltmeister der Herzen« feiern, vor Stolz über die damit unter Beweis gestellte neue nationale Unbefangenheit platzen: Seht her, wir Deutsche können auch ohne Einmarsch in Polen Spaß haben!

Dass, entgegen der düsteren Prophezeiungen aus den 90er Jahren, die wiederhergestellte Nation in ihren Ausdrucksformen nicht unmittelbar an die Zeit von 1933 und 1945 anknüpft, hat unter deren Kritikern für Verunsicherung gesorgt. Die einen verharren, damit das Feindbild stimmig bleibt, in den Koordinaten von Hoyerswerda, Rostock und Jugoslawienkrieg, als hätte es nie einen »Aufstand der Anständigen« und nie eine nationalpazifistische Generalmobilmachung gegen den ›War on Terror‹ gegeben – und geben so den anderen, die, weil sie Staat und Kapital doch ohnehin »Scheiße« finden, über Deutschland nicht länger reden wollen, die beste Steilvorlage: Alles so wunderbar normal hier. Die dritten wiederum, die durchaus noch ahnen, dass »Normalvollzug« nach Auschwitz nur die Normalität der permanenten Katastrophe sein kann, ziehen aus den Erfahrungen seit der Jahrtausendwende den Schluss, den Begriff der »deutschen Ideologie« aus seinem historischen Entstehungszusammenhang zu lösen: »deutsch« meint dann nichts anderes als, je nach Bedarf, »postmodern«, »islamisch« oder »links«.

Die Wendigkeit, mit der die Landsleute, wie auf ein geheimes Kommando, stets genau das nachvollziehen, was jeweils angezeigt ist, ob nun ökopazifistischer Gesinnungskitsch oder schwarz-rot-geile Infantilisierung, verweist demgegenüber darauf, dass die Spezifik deutscher Vergemeinschaftung, noch vor jedem besonderen Inhalt, eine Frage der Form ist. Gerade im zwanghaften gute-Menschen-gute-Laune-Kollektiv aktualisiert sich die wesentliche Bestimmung deutscher Ideologie: dass der Patriotismus der Deutschen so furchtbar ist, weil er so grundlos ist (Horkheimer) und also von der Unfähigkeit zu Patriotismus kaum zu unterscheiden (Pohrt). Was das einstige Geraune von deutscher Kulturnation mit dem heutigen Geblöke von deutschem Schland eint, ist, mit anderen Worten, deren vollkommene Substanzlosigkeit. Darzulegen und zu diskutieren wäre, in welchem Verhältnis diese Substanzlosigkeit zu der Schamlosigkeit steht, die es braucht, das Leben nach Auschwitz zu bemeistern – und inwiefern das eines Begriffs von Ideologie bedarf, der mehr und anderes meint als das, was in Geistesgeschichte, Feuilleton und Talkshows stattfindet.

 

Lars Quadfasel ist assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek und der Gruppe Les Madeleines. Er publiziert in verschiedenen Zeitschriften (konkret, Jungle World, Extrablatt) und Sammelbänden, zuletzt in: Annika Beckmann u.a. (Hg.), Horror als Alltag. Texte zu »Buffy the Vampire Slayer« (Verbrecher Verlag 2010).

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